Vogels Geschnatter

Artur K. Vogel, Chefredaktor des «Bund», fällt in alte Muster zurück (1, 2). Wo sind die sachlichen Texte der letzten zwei, drei Jahre geblieben?

Keine Ahnung. In seinem Standpunkt «Feinde, auf die man sich verlassen kann» vom vergangenen Samstag zeigt Vogel alle jene Reflexe, auf die sich der Leser früher verlassen konnte. Vogel nutzt seinen Text nicht nur dazu, Israel mal wieder harmlos zu reden, sondern vor allem, um die böse Konkurrenz im Internet aufs Korn zu nehmen, die sich erfrecht, etwas zum aktuellen Nahost-Konflikt von sich zu geben.

Vogel schreibt:

Gemäss dem aufgeregten Geschnatter in gewissen Medien – vor allem in Internet-Foren – steht ein katastrophaler Waffengang bevor.

(…)

Infosperber.ch kennt angeblich «internationale Beobachter», die damit rechnen, «dass Israel tatsächlich zuschlägt», und zwar «kurz vor den Präsidentschaftswahlen in den USA». Wieso das? Weil «weder Obama noch der Kandidat der Republikaner sich leisten können, Israel zu kritisieren.»

Journal21.ch sieht Israel immerhin im «Dilemma», ob es «ohne Zustimmung der Amerikaner sofort zuschlagen» sollte oder «eher abwarten, bis möglicherweise ein republikanischer Präsident gewählt wird, der den Interventionsabsichten Israels weniger Widerstand entgegensetzen würde».

Ähnliche Analysen stehen zwar auch in der gedruckten Presse (unter vielen anderen 1, 2, 3, 4, 5, 6). Aber was solls. Wie viele andere Journalisten von Printmedien leidet offenbar auch Vogel unter einem Anti-Internet-Reflex. Was im Netz steht, kann selbstverständlich nie so gut und professionell sein, wie Gedrucktes. Vogel schreibt:

Dass Israel angeblich überhaupt im Iran intervenieren will, ist laut den Hobby-Nahostexperten von Infosperber.ch auf einen richtiggehenden «Gotteskrieg» zurückzuführen, den Israel betreibt: Es wird «wie schon so oft im Schatten eines US-Wahlkampfes die Handlungsunfähigkeit der US-Regierung ausnutzen».

«Hobby-Nahostexperten»? Das ist unter der Gürtellinie, Herr Vogel. Aber eben, Monsieur arbeitet bei einem sogenannten Leitmedium und kann besser beurteilen, was wesentlich ist und was nicht:

Nicht relevant scheint hingegen zu sein [für die Hobby-Experten], dass die Internationale Atomenergiebehörde IAEA soeben, am 22. Februar, in Wien die bisher ausdrücklichste Vermutung über die Natur des iranischen Atomprogramms geäussert hat. Sie teilte nämlich mit, dass Gespräche zwischen dem Iran und einer IAEA-Delegation gescheitert seien.

Das wäre selbstverständlich wesentlich, auch für die Online-Schreiber. Dummerweise stammen die von Vogel zitierten Online-Texte vom 10. und 12. Februar …

Vogel selbst macht genau das, was er anderen vorwirft: Er pickt raus, was ins Bild passt. Von der nicht unwesentlichen Meinung der CIA, Iran arbeite nicht an der Bombe (1, 2, 3, 4, 5), lesen wir bei ihm beispielsweise nichts. Und während Vogel die Diskussion verschiedenster Szenarien kritisiert, spekuliert er selbst nach Kräften:

Jetzt kommen in Ägypten Islamisten ans Ruder, die viel US-kritischer und Israel-feindlicher sind als einst Mubarak.

So so.

Und falls Assad kippt, werden auch in Syrien sunnitische Extremisten an die Macht drängen.

Hmm.

Als Gegenreaktion könnte die schiitische Hizbollah im Libanon die Herrschaft definitiv an sich reissen, an der sie schon beteiligt ist.

Aha.

Israel wäre dann aufs Neue von Todfeinden umzingelt.

Tatsächlich?

Lieber Herr Vogel, mir wird nicht klar, was die Hobby-Experten im Internet von den Hobby-Experten in der «Bund»-Chefredaktion unterscheidet. Und: Die Analysen von infosperber und journal21 mögen genauso wenig richtig liegen wie viele andere auch. Aber sie sind auf jeden Fall um einiges interessanter und differenzierter als Ihr Geschnatter.

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2 Kommentare

  1. Patrick
    Erstellt am 11. März 2012 um 13:18 | Permanent-Link

    Herr Vogel merkt offensichtlich nicht, dass bereits ein starkes Umdenken statt gefunden hat. Das Gute ist nur, dass deutlich wird wer wo steht. Wenn’s nicht so ernst wäre, wäre das was dort steht einfach nur oberflächlich, nichtssagend und langweilig. Wenn das ein Artikel eines Experten ist verzichte ich gerne auf diese Zeitung.

  2. Lena
    Erstellt am 6. März 2012 um 19:11 | Permanent-Link

    Offensichtlich ist’s halt schwierig, regelmässig pointiert, fundiert und gescheit zu schreiben. So gibt’s auch bei Herrn Vogel hin und wieder Ausrutscher – schade!
    Lena

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