Constantin Seibt: deprimierend normal

Constantin Seibt zu lesen, ist stets ein Vergnügen, stets lehrreich. Seibt ist mehr als ein hervorragender Schreiber, er bringt Probleme auf den Punkt, er findet überraschende Ansätze, er erzählt seine Geschichten anders als alle Anderen.

Gerade weil Seibt eigentlich so gut ist, ist sein Text über US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton so erschreckend, so deprimierend und so exemplarisch dafür, wie vernebelt unsere Sicht auf die Welt in den letzten Jahren geworden ist.

Seibt findet mit «Frau Clinton hört zu» auch in diesem Fall einen Ansatz, den ich bis jetzt so noch nicht gelesen habe. Er schreibt:

Will man Menschen überzeugen, ist Zuhören die wirksamste Art der Verführung – nur Anfänger setzen auf Reden. In der Tat ist Clintons politische Bilanz einzigartig in einer Zeit, in der Demokraten und Republikaner fast Todfeinde sind. Sie brachte Dutzende Vorlagen durch das gespaltene Parlament.

Das mag stimmen und zeigt mir Hillary Clinton in einem Licht, in dem ich sie noch nie betrachtet habe. Und bisweilen findet Seibt sogar Zeit, auf die Kritik an Hillary Clinton einzugehen:

Dies ist auch die Quelle für das Misstrauen: Ihre Reden für Goldman Sachs, ihre Freundschaft mit Wallstreet-Leuten oder politischen Finsterlingen wie Henry Kissinger führten bei Demokraten zur Frage, ob sie nicht die bessere republikanische Kandidatin sei.

So weit, so gut. Dann aber kommen Sätze, die ich Seibt nicht zugetraut hätte. Zum Beispiel:

Dass Clinton für den Irakkrieg stimmte – war das Opportunismus, rechte Politik oder schlicht das Pech, dass sie auf die falschen Experten hört?

So oder so oder so: Alle drei Optionen werfen ein düsteres Licht auf die kommende Präsidentin. Alle drei Optionen sind Grund genug, Hillary Clinton hart zu kritisieren. Das findet Seibt nicht. Er zeichnet ein sehr wohlwollendes Bild und schliesst seinen Text mit der Feststellung:

Hillary Clinton hat einen langen Weg hinter sich. Sie hat das Zeug zu einer grossen Präsidentin.

Im Klartext: Constantin Seibt macht sich für eine Politikerin stark, die sämtliche US-Kriege der letzten Jahre mitgetragen hat, die das US-Drohnenprogramm mitträgt, deren Rolle im Vorfeld des Libyen-Kriegs zumindest sehr zweifelhaft ist.

Ich habe Constantin Seibt diese Bemerkung in seinen Facebook-Account geschrieben. Seine Antwort spricht Bände:

Natürlich ist die Rolle der USA höchst zweifelhaft. Andererseits: Die ganze Welt ist zweifelhaft. Und dann hat Clinton noch das Erbe von Bush übernommen, der vielleicht der miserabelste Präsident seit langem war.
Politik ist Entscheiden in Widersprüchen. Hätte man in Libyen etwa nicht intervenieren sollen, als alles von Ghaddaffi aufgerollt wurde? Dafür in Syrien energisch? Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. (Im Gegensatz zu sehr viel Leuten in Facebook.)

Nein, die Rolle der USA ist nicht zweifelhaft. Die USA haben unter Barack Obama sieben Länder bombardiert, die meisten davon ohne UNO-Mandat. Laut offizieller Sprachregelung sind das Angriffskriege, nichts Anderes. Hillary Clinton hat alle diese Interventionen mitgetragen.

Kürzlich veröffentlichte E-Mails von Hillary Clinton zeigen, weshalb man in Libyen interveniert hat – definitiv nicht aus humanitären Gründen (1, 2, 3, 4, 5). Und: Die Situation in Libyen ist heute katastrophal, laut verschiedensten Quellen viel schlimmer als vorher (1, 2, 3, 4). Hätte man intervenieren sollen? Klar ist: sicher nicht so. Klar ist: Der Westen baut Diktatoren auf (mit Geld und Waffen), bis sich diese Diktatoren gegen den Brotgeber wenden (wie Gaddafi in Libyen). Zurück bleiben destabilisierte Regionen, Aussichtslosigkeit, Extremismus.

Klar, das Erbe von George W. Bush ist ein Desaster. Nur: Wäre die vernünftige, menschliche Reaktion seines Nachfolgers nicht gewesen, dem Foltern und Töten und Bekriegen ein Ende zu setzen? Das Gegenteil ist passiert, so sind zum Beispiel die Drohnenmorde unter Obama/Clinton massiv intensiviert worden (1, 2, 3). Und, wie es scheint, will Hillary Clinton im Falle ihrer Wahl militärisch einen Zacken zulegen (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7).

Noch vor ein paar Jahren wäre man gegen das Verhalten der USA (und ihrer Alliierten) auf die Strasse gegangen, Journalisten wie Constantin Seibt hätten in den Medien Klartext geschrieben. Deshalb ist Constantin Seibts Text exemplarisch dafür, wohin uns 15 Jahre Krieg gegen den Terror geführt haben: Es ist normal geworden, dass die USA Krieg führen, wo immer es ihnen passt. Es ist normal geworden, dass mit Drohnen Menschen getötet werden, ohne Recht auf Anhörung, Verteidigung, Prozess. Es ist so grauenhaft normal geworden, dass selbst ein Mann wie Constantin Seibt das Grauen schlicht nicht mehr wahrnimmt.

Ich unterstelle Constantin Seibt nicht, dass er all die Verbrechen, die Hillary Clinton mitverantwortet, tatsächlich normal findet. Aber sie hindern ihn nicht, die nächste Präsidentin der USA in ein Licht zu rücken, das sie nicht verdient.

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