Klimawandel: Sind Sie gekauft, Herr Feusi?

Der menschengemachten Erderwärmung bläst in Schweizer Medien zunehmend ein kalter Wind entgegen. Regelmässig erscheinen Texte und Kommentare, die sich kritisch mit den Fragen auseinandersetzen, ob es den Klimawandel überhaupt gibt und wenn ja, ob die Ursachen tatsächlich menschengemacht sind und/oder ob Politik und Presse vernünftig reagieren bzw. berichten, wenn sich Naturkatastrophen wie der Bergsturz im Bergell ereignen.

Selbstverständlich sollen Medien den Klimawandel bzw. den diesbezüglichen Stand der Forschung kritisch begleiten. Selbstverständlich sollen sie Wissenschaftler mit alternativen Ansichten konfrontieren, wenn diese fundiert sind. Und selbstverständlich darf, wer starke Argumente hat, in Frage stellen, ob der Klimawandel menschengemacht ist.

Starke Argumente finden sich in den diversen Artikeln der letzten Wochen allerdings nicht. Man wird den Eindruck nicht los, dass es vor allem um eines geht: Provokation und damit Clickbaiting. Der Klimawandel produziert nicht nur jede Menge Wetterphänomene, sondern auch jede Menge Hits auf den Websites der Medien – insbesondere, wenn der Anriss eine alternative Sicht der Dinge verspricht.

Mit Begriffen wie «Ökoindustrie» oder «Behördenpropaganda» wird in fast allen Artikeln suggeriert, der derzeitige Stand der Wissenschaft sei grösstenteils dem Lobbying der sogenannten Green Economy zu verdanken. Der Wissenschaft wird also nichts weniger als Bestechlichkeit vorgeworfen.

In der Sonntagszeitung, im Text von Redaktionsleiter Andreas Kunz, tönt das so:

Was in den letzten Jahren allerdings merklich stärker zugenommen hat als die Temperatur der Erdatmosphäre, ist die Propaganda der Behörden und der ihr angehängten Öko-Industrie. Die Verbreitung selektiver oder gar falscher Fakten füllt zwar ihre Kassen – sorgt aber für unnötige Angst und untergräbt die Glaubwürdigkeit der gesamten Klimaforschung.

In der NZZ schreibt Sonja Margolina:

Denn der «Klimawandel», den Trump aus dem Sprachgebrauch zu tilgen trachtet, ist nicht nur eine Beschreibung der Wirklichkeit, sondern auch ein ideologisches Konstrukt. Millionenfach in den Medien wiederholt, als alternativlose Wahrheit in Schulen gelehrt, gibt der Begriff einen Rahmen vor, in dessen Grenzen die Gesellschaft zu denken und die Realität aufzufassen hat.

(…)

Vor diesem opaken Hintergrund mutet die Verbannung des «Klimawandels» aus dem Vokabular der Herrschaftssprache durch Trump wie ein Widerschein der Vernunft an. Mag sein, dass ausgerechnet diesem schlechtesten US-Präsidenten aller Zeiten die Rolle eines Mephisto zufällt, der das Böse will und ungewollt das Gute schafft.

Felix Schneuwly schreibt in den Freiburger Nachrichten:

Aber die Politik, so lehrt uns die mit einem katastrophalen ökologischen Fussabdruck umherreisende Frau Leuthard, muss handeln. Sie kann nicht auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse warten.

(…)

Und von den Medien erwarte ich etwas mehr kritische Distanz zu den politischen Entscheidungsträgern, von den Wissenschaftlern ebenfalls.

Happige Vorwürfe an Wissenschaft und Politik, für die weder Kunz, Margolina noch Schneuwly irgendwelche Belege liefern.

Insbesondere die Basler Zeitung positioniert sich als Sturmfront gegen den Konsens der Wissenschaft. Regelmässig versucht das Blatt seiner Leserschaft zu verklickern, den Klimawandel – oder zumindest den menschengemachten Klimawandel – gebe es nicht (1, 2, 3. Ältere Artikel: 4, 5, 6). Auch Bundeshausredaktor Dominik Feusi ist sich nicht zu schade dafür, Fakten zu verdrehen, Grafiken zu missinterpretieren oder ganz einfach Wetter mit Klima zu verwechseln. Wie merkwürdig bzw. falsch seine Vorstellung von Wissenschaft ist, offenbart er in seinem jüngsten Text. Es schreibt:

Gute Wissenschaftler produzieren nicht letzte Wahrheiten, sondern vorläufige Erkenntnisse. Sie wissen, wie viele Fragen noch offen sind, und sie geben es offen zu. Sie hinterfragen ihre eigenen Resultate fortlaufend und machen sie öffentlich zugänglich, damit andere sie zu widerlegen versuchen. Wenn das gelingt, ist das ein Wissensfortschritt, wenn nicht, dann ist die geprüfte Erkenntnis etwas sicherer. Falsifizierung nennt man das. Es ist das Kennzeichen einer freien Gesellschaft und insbesondere einer freien Wissenschaft.

Erstens: Sämtliche Resultate bezüglich Klimawandel sind öffentlich zugänglich und können widerlegt werden. Zweitens: Feusis Vorstellung, dass es unter Tausenden von Wissenschaftlern, die weltweit in unterschiedlichsten Disziplinen seit Jahrzehnten zum Thema Klima forschen, keine Diskussionen über offene Fragen, kein Hinterfragen von Resultaten, keine Falsifizierung geben soll, ist schlicht abstrus.

Genau das behauptet Feusi aber:

In der Klimaforschung und in den Medien, die darüber berichten, gibt es diesen Widerspruch kaum. Hinterfragt wird schon lange nicht mehr.

Und auch Feusi bringt den Vorwurf der Bestechlichkeit:

Die entsprechenden Institute sind finanziell weitgehend vom Staat abhängig, und der gibt klar und deutlich vor, was er erwartet. Widerspruch gehört nicht dazu. Es gibt denn auch an den schweizerischen Hochschulen niemanden, der die skeptische Position zum Klimawandel und dessen Ursachen einnimmt und bestehende Erkenntnisse radikal hinterfragt.

Via Twitter habe ich Feusi gefragt, ob er seine Aussage, dass der Staat in der Klimaforschung inhaltliche Vorgaben mache, irgendwie belegen könne. Die Antwort:

Lesen hilft. Bin unterwegs, aber ich glaube es sind NFP 31 und 61.

Wer sich die beiden Nationalfondsprogramme anschaut (31, 61), versteht leider nicht, was Feusi meint. Auf die Bitte um Erklärung schreibt er.

Allein die Tatsache, dass es kein NFP zur Falsifikation des Klimadogmas gibt belegt meine These. Wissenschaft ist heute staatsabhängig.

Eine Antwort, die zeigt, wie wenig Feusi vom wissenschaftlichen Prozess versteht. Falsifikation ist impliziter Teil jedes wissenschaftlichen Prozesses. Resultate werden erst nach umfangreicher Peer Review publiziert und sind jederzeit hinterfragbar.

Auf meine Frage, wie denn ein NFP zur Falsifikation von Ergebnissen, die Tausende von Wissenschaftler weltweit während Jahrzehnten zusammengetragen haben, aussehen könnte, antwortet Feusi:

Lesen Sie Wissenschaftstheorie. Das hilft.

Keine wirklich erhellende Antwort. Ich habe Feusi deshalb gefragt, ob es bezüglich Klimawandel denn nicht sein könnte, dass gewisse Dinge nach jahrzehntelanger Forschung einfach klar sind und deshalb als Konsens bezeichnet werden können. Feusis Antwort:

Ja. Aber genau das ist beim Klimawandel nicht der Fall. Fragen Sie bspw mal Prof. Stocker wieviele % anthropogen sind…

Und:

Er (Stocker) widerspricht nicht, er windet sich nur – beweist meine These, dass es um Dogma statt Wissenschaft geht.

Dazu verlinkt Feusi ein Interview, in dem Thomas Stocker, Professor an der Universität Bern, Auskunft gibt über den aktuellen Stand der Forschung. Stocker erklärt, was klar ist und was für Diskussionen sorgt. Stocker macht also genau das, was Feusi von Wissenschaftlern verlangt (siehe oben). Und: Auch nach dem dritten Mal lesen ist nicht festzustellen, wo Stocker sich windet.

Selbst wenn Stocker sich im Interview winden sollte, selbst wenn der gesamte Schweizer Wissenschaftsbetrieb gekauft wäre: Daraus abzuleiten, dass die gesamte Wissenschaft weltweit gekauft ist und seit Jahrzehnten bezahlte Resultate und Prognosen abliefert, darf mit Fug und Recht als abstruseste Verschwörungstheorie aller Zeiten bezeichnet werden. Eine Theorie, für die Feusi nicht den Hauch eines Belegs liefert.

Zudem: Wenn jemand die Macht bzw. die finanziellen Mittel hat, um Regierungen und gewisse Teile der Wissenschaft ernsthaft unter Druck zu setzen, sind es die Erdöl- und die Kohlelobby. Sie sind um ein Vielfaches mächtiger und finanziell potenter als die Green Economy.

Naheliegender als die Vorstellung, der ganze weltweite Wissenschaftsbetrieb sei gekauft, ist die Annahme, einzelne Medien(schaffende) könnten gekauft sein – zum Beispiel Medien(schaffende), die sich einer Rechtsaussen-Politik verschrieben haben. Deshalb ist die interessante Frage eigentlich: Was bringt Journalisten wie Dominik Feusi dazu, bezüglich Klimawandel Nonsense zu publizieren? Anders gefragt: Sind Sie gekauft, Herr Feusi?

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