Renato Beck: Manipulation
für Fortgeschrittene

Renato Beck ist Co-Redaktionsleiter der TagesWoche. Am 23. Oktober twitterte er:

Zwischenbilanz eine Stunde Ganser in Aarau. Der Mann ist vor allem eines: herablassend

Gemeint ist Historiker Daniele Ganser, der im Kultur- und Kongresshaus gemeinsam mit TV-Hypnotiseur Gabriel Palacios über «Manipulation durch die Medien – verdeckte Kriegspropaganda durch unbemerkte mediale Gehirnwäsche» sprach.

Auf meine Frage, wie die Bilanz des Ganser-Vortrags inhaltlich ausfalle, schrieb Beck:

Überverkauft, Vieles Quatsch, einiges interessant, einiges sehr befremdlich

Ich wollte wissen, weshalb es Quatsch oder befremdlich sei? Becks Antwort:

Ich schreib vielleicht noch was drüber. Z.B. seine Empfehlung, sich Infos bei Russia Today oder Ken FM oder Sputnik zu holen.

Inzwischen hat Beck seine Ankündigung wahrgemacht und den Abend mit Ganser in einem TagesWoche-Beitrag verarbeitet. Titel: «Der Manipulator». Leider macht Beck anschliessend genau das, was er Ganser vorwirft: Er manipuliert nach Belieben.

Bereits der Einstieg in den Text ist ein Paradebeispiel:

Daniele Ganser – Pardon: Doktor Daniele Ganser – hält sein Publikum lange fest, er zieht es während fast zweieinhalb Stunden an sich und lässt es erst gehen, als er die letzte seiner vielen Botschaften platziert hat.

Was der Hinweis bezüglich Gansers Doktortitel soll, ist klar: Ganser ist einer, der’s nötig hat. Der Rest des Satzes suggeriert, dass ein willenloses Publikum von seinem Messias missbraucht wird – «hält fest», «lässt erst gehen», «seine vielen Botschaften».

Im gleichen, verunglimpfenden Stil geht es weiter:

Vergangene Woche in Aarau, der umstrittene Historiker probiert ein neues Format aus.

«Probiert aus»? Eine mehr als herablassende Formulierung, die uns sagt: Da ist jemand unprofessionell unterwegs.

Jeder Platz ist besetzt, 400 Zuhörer sind gekommen. Ganser ist ein sicherer Wert, seit Jahren tingelt er von Vortrag zu Vortrag, erhält viel Geld für seine kräftigen Thesen zum US-Imperialismus, zu 9/11 und den Medien.

Bei Renato Beck «reist» Daniele Ganser nicht von Vortrag zu Vortrag, nein, er «tingelt» – was abwertend gemeint ist. Und: Ganser erhält für seine Vorträge nicht einfach nur Geld (was ohnehin klar ist), sondern «viel Geld». Auch hier ist die Message deutlich: Es ist zu viel Geld.

Was folgt, ist eine kurze, eher positiv gehaltene Wiedergabe von Gansers Medienanalyse. Leider setzt Beck über diese vier Abschnitte den vielsagenden Zwischentitel «Vorsicht beim Fernsehen!»

Anschliessend kritisiert Beck (möglicherweise zurecht), dass Ganser in seiner Medienanalyse nicht erwähnt, dass viele Inhalte von Noam Chomsky stammten:

Doch Ganser verweigert ihm die Reverenz. Er stellt seine Erkenntnisse gerne als Geistesblitze dar, zu denen er im Austausch mit sich selber oder mit Fachleuten, so auch mit Palacios, gekommen sei.

«Im Austausch mit sich selber» – eine Formulierung, die nur ein inhaltliches Ziel hat: Spinner.

Trotzdem sind Gansers Überlegungen zu den Bewusstseinszuständen interessant, man hätte sie gerne weiter erforscht gesehen. Aber sie belegen nicht die Manipulation durch Medien. Ganser präsentiert dafür einige altbekannte Beispiele von Verfehlungen und tatsächlichen Manipulationen.

(…)

Es sind immer Einzelbeispiele, die er fürs Ganze nimmt. Kein besonders wissenschaftlicher Ansatz eines Mannes, dessen akademischer Hintergrund als Legitimation seiner Thesen herhalten muss.

Es bleibt ein Rätsel, was daran falsch ist, wenn Ganser für seine Erkenntnisse Beispiele bringt. Jede Erkenntnis muss mit Beispielen untermauert werden. Würde Ganser das nicht tun, würde man ihm wohl genau das vorwerfen. Zudem: Gansers Beispiele zeigen anschaulich, wie Medien weltweit gleichgeschaltet werden.

Ganser praktiziert eine Art empirische Herangehensweise, wobei die vorgelegte Datenlage so dünn ist, dass es in Wahrheit reine Deduktion ist: Ganser formuliert eine These und sucht sich die passenden Beispiele für deren Bestätigung zusammen.

Weshalb Beck davon ausgeht, dass Gansers Datenlage dünn ist, wird nicht klar. Notabene hat uns Beck zwei Abschnitte weiter oben darauf hingewiesen, dass Gansers Erkenntnisse zu Medien altbekannt sind. Wenn sie tatsächlich von Noam Chomsky stammen, dürften sie bestens belegt sein.

Auf Russland lässt sich Ganser nicht gerne ansprechen, sein Fokus gilt den USA und der Nato. Der Überfall der Ukraine? Kommt nicht vor, obwohl sich jeder «Friedensforscher» brennend dafür interessieren müsste.

Was bitte ist falsch daran, sich auf ein Thema zu fokussieren? Zudem: Wenn Beck sich nur eine Stunde Zeit genommen hätte, sich mit Ganser und seinen Inhalten auseinanderzusetzen, wüsste er, dass «der Überfall der Ukraine» ein wichtiges Thema seines neuen Buchs «Illegale Kriege» ist. Zudem: Weshalb setzt Beck den Begriff Friedensforscher in Anführungszeichen?

Denn selbstverständlich galt es auch in Russland, ein Volk darauf zu trimmen, dass es glaubt, rundherum von Feinden umgeben zu sein und dass nur Krieg der Ausweg ist.

Na und? Dürfen westliche Medien Propaganda machen, die uns in Kriege führen und ganze Regionen verwüsten, weil russische Medien das auch tun?

Über Trumps Intervention in Syrien spricht er minutenlang, Putins Bombenkrieg erschöpft sich in einer hastig weggedrückten Grafik.

Bei Renato Beck sind Trumps Bomben eine «Intervention», Putins Bomben ein «Krieg». Ganz abgesehen davon, dass der Einsatz Russlands gemäss UNO-Charta rechtlich legitim ist (weil vom Regierungschef Syriens zur Verteidigung angefordert), derjenige der USA nicht.

An einer Stelle lobt er als Alternativen zu den manipulativen Westmedien Putins Propagandaschleudern. Es lohne sich, immer wenn ein Krieg ausbreche, auf Portale wie «Sputnik News» oder «Russia Today» zu gehen. Dazu muss man wissen, dass Ganser auf diesen Kanälen gerne und oft befragt wird.

Das stimmt. Doch: Darf Ganser die Portale nicht erwähnen, bloss weil sie ihm wohlgesonnen sind? Sputnik und RT publizieren zwar tatsächlich immer wieder Propaganda, es findet sich auf beiden Portalen aber auch guter Journalismus – ähnlich wie in sämtlichen Westmedien, die ich kenne. «Propagandaschleudern» gibt es hüben und drüben, sogar in Basel …

Zu schlechter Letzt nimmt sich Beck des Themas an, das Gansers akademische Karriere ruiniert hat: 9/11. Unter dem mehr als abwertenden Zwischentitel «Der Hit zum Mitsingen kommt ganz am Schluss» schreibt Beck:

Gegen Ende der Veranstaltung in Aarau kommt er auf sein bekanntestes Thema zu sprechen: den Einsturz von WTC 7, einem Nebengebäude der Twin Towers in New York, von dem Ganser behauptet, es sei gesprengt worden.

Eine glatte Lüge. Ganser sagte weder im Aargauer Vortrag noch sonst in irgendeinem Zusammenhang, WTC7 sei gesprengt worden. Er zeigt auf, wie die Untersuchung des Einsturzes gelaufen ist, wie der Einsturz begründet wird und fordert eine neue Untersuchung.

Sein stärkstes Argument, dass sich der Terroranschlag nicht so abgespielt hat, wie (von den Massenmedien) behauptet, ist der Pass eines Attentäters, der vor dem Ort der Katastrophe gefunden wurde.

Nein, der Pass ist nicht Gansers stärkstes Argument, sondern WTC7 – das wird beim Aarauer Auftritt und in jedem anderen Vortrag/Text deutlich, den ich gesehen habe.

Die Anspannung im Saal geht in Gejohle über: Wie kann man nur so blöd sein, der US-Propaganda zu glauben? Was Ganser nicht erzählt, dass Hunderte Artefakte aus dem Innenraum der Crash-Flugzeuge gefunden wurden: Handys, Portemonnaies, sogar ein Paar intakter Filzpantoffeln.

Das Publikum lacht nicht einfach, nein, es «johlt». Was uns Beck damit sagen will: Wie kann man nur so blöd sein, Ganser alles zu glauben?

Zugegeben: Gansers Beispiel mit dem Pass ist schlecht. Genau aus dem Grund, den Beck erwähnt. Aber: Ist es legitim, aus diesem Beispiel zu schliessen, Gansers Inhalte seien grundsätzlich wenig brauchbar und manipulativ? Das, Herr Beck, nennt man in der Fachsprache Induktion – man greift sich ein Beispiel heraus und erklärt die Erkenntnis für allgemeingültig. Ob das besser ist als die erwähnte Deduktion, bleibe dahingestellt.

Beck schliesst seinen Text mit:

Sollten wir nicht auch alert sein, wenn Doktor Daniele Ganser seine Geschichten erzählt?

Selbstverständlich sollten wir das. Und wir sollten höchst alert sein, wenn wir in Schweizer Medien einen Text über Manipulation lesen …

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Ein Kommentar

  1. john
    Erstellt am 3. November 2017 um 14:46 | Permanent-Link

    Der Artikel reiht sich ein in das typische Reaktionsmuster, das Ganser und andere folgt. Das Muster sieht so aus: Ganser oder jemand anders hält einen Vortrag und wirft irgend jemand (meist immer sehr schwammig: „die Eliten“, „die Medien“ – Namen kommen dabei aber nie; Ross und Reiter werden nie genannt) Manipulation vor. Dann passiert folgendes: Jemand kommentiert diesen Vortrag und nennt ihn selbst manipulativ. Dann kommt jemand und nennt den Kommentierenden wiederum manipulativ. Genau so gut könnte man dann den Kommentator des Kommentierenden manipulativ nennen. Einige Formulierungen Ihres Artikel könnten genau so gut dieses Etikett bekommen. Egal, am Ende landen die Kommentatoren in der Phase, in der jeder jeden Manipulation vorwirft. Das alles ist so oberflächlich, aber man kann sich hervorragend darüber aufregen. Es passt zur Empörungsgesellschaft, in die viele zu switchen scheinen, wenn sie vor dem Bildschirm sitzen. Doch am Ende landet man nur in der bubble, die Shakespeare so treffend auf den Punkt gebracht hat: „Much about nothing / Viel Lärm um nichts“. Nur eins ist anders: Man hat durch die Illusion, nun zur aufgeklärten Seite der Gesellschaft zu gehören, sein eigenes Ego aufgebläht. Ist zwar irgendwie süß, aber nicht sehr aufgeklärt. Ich habe mir den Vortrag mal „reingezogen“. Auffällig: Der Hypnotiseur zeigt kein Fachwissen, mit dem er an der Pforte eines Krankenhauses vorbeikommen könnte. Man kann ja auf der Bühne vereinfacht reden, aber den „Schock“ als Moment für die Hypnose zu erklären, ist wirklich fachlich nicht korrekt.

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