Selektive Empathie und Kriegstreiberei

Peter Ustinov hat gesagt:

 «Ich sehe keinen Unterschied zwischen Krieg und Terrorismus. Terrorismus ist der Krieg der Armen, Krieg der Terrorismus der Reichen.»

Weise Worte. Jetzt, fünf Tage nach den Anschlägen in Paris, lässt sich sagen: Das sehen die meisten Europäer anders – ganz anders. Auch Bundesrat Didier Burkhalter. Im Interview mit dem Blick sagt er:

Wenn es ein Krieg wäre, müsste die Schweiz neutral sein – gegen den Terrorismus kann man aber nicht neutral sein.

Worte, denen man Zeit lassen muss, sich zu setzen. Denn «übersetzt» heisst das: Wenn westliche Koalitionen ganze Regionen jahrelang zerbomben und dabei Hunderttausende töten, muss die Schweiz neutral bleiben. Wenn ein paar Extremisten in Paris 150 Menschen töten (so furchtbar das ist), kann selbst die Schweiz nicht mehr schweigen.

Didier Burkhalters Aussage bringt auf den Punkt, was in den Tagen nach den Pariser Anschlägen förmlich zu spüren ist: Wir leben in Zeiten selektiver Empathie. Töten ist nicht gleich töten, ein westliches Leben zählt das x-fache eines anderen Lebens. Terrorismus ist deshalb zig Mal verwerflicher als Kriege, selbst wenn diese Kriege völkerrechtswidrig sind, auf Lügen basieren und ein Tausendfaches an Leben kosten.

Wer die martialischen Reden des französischen Präsidenten François Hollande gehört hat, dem kann himmelangst werden. Umso mehr, als Europa den Bündnisfall bestätigt hat. Das ist gefährlicher Verhältnisblödsinn und zeigt die Doppelmoral überdeutlich: Selber bombardiert man seit Jahren fremde Länder in weiter Ferne. Aber wehe, irgendwer wagt es, in irgendeiner Form dafür Rache zu nehmen.

Ich will den Teufel nicht grösser an die Wand malen als nötig. Aber das Kriegsgeheul erinnert stark an die Tage nach dem 11. September 2001 und an die Hysterie vor dem 1. Weltkrieg. Umso wichtiger wären Medienschaffende, die einen klaren Kopf behalten und den Verhältnisblödsinn als das bezeichnen, was er ist: Verhältnisblödsinn. Leider ist in zahlreichen Fällen (nicht allen) genau das Gegenteil der Fall. Viele Journalisten scheinen förmlich nach grossen Worten wie Krieg und Vergeltung zu dürsten. Der deutsche Medienkritiker Stefan Niggemeier schreibt auf Twitter:

Schwer zu ertragen: Diese verstörende Lust von Chefredakteuren und Herausgebern daran, jetzt endlich einen Weltkrieg ausrufen zu können.

Das gilt leider nicht nur für Deutschland und Frankreich, sondern auch für die Schweiz. Auch hierzulande scheinen Journalisten zu vergessen, dass sie den Krieg gar nicht mehr zu fordern brauchen, weil dieser Krieg seit Jahren im Gang ist. Und sie vergessen, wer diesen Krieg begonnen hat.

Auf den Text von Michael Bahnerth in der Basler Zeitung mag ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Es ist schlicht die übelste Kriegstreiberei, die ich je in einer europäischen Zeitung gelesen habe. Viel schlimmer ist, was Eric Gujer von sich gibt, weil er ja immerhin Chef der NZZ und die NZZ eigentlich eine ernstzunehmende Zeitung ist. Gujer schreibt:

Europa sollte ferner den Kampf gegen die Urheber des Terrors in deren Länder tragen und sich mit aller Entschlossenheit im Nahen Osten militärisch engagieren, um den IS zu vernichten.

Wie bitte? Der Krieg gegen den Terror ist seit bald 15 Jahren mit europäischer Beteiligung in eben diesen Ländern im Gang. Er hat eine ganze Region destabilisiert, schafft mehr und mehr Extremisten. Das hindert Eric Gujer nicht daran, zu schreiben:

Die enge Verzahnung von Polizei, Nachrichtendiensten und Armee bringt in der Epoche des globalen Jihad die besten Resultate. Die Amerikaner haben so die Kaida zerschlagen.

Unfassbarer Blödsinn. Eric Gujer nutzt die Pariser Anschläge, um die Angriffskriege in Afghanistan und im Irak reinzuwaschen. Er bezeichnet Totalüberwachung, Drohnenmorde, Folter und Geheimgefängnisse als «enge Verzahnung von Polizei, Nachrichtendiensten und Armee». Propagandistischer kann Journalismus nicht sein.

Weit weniger schlimm, aber trotzdem falsch und exemplarisch, ist die Einschätzung von Bund-Chefredaktor Patrick Feuz. Er schreibt:

Es ist eben kein richtiger Krieg, auch wenn die Terroristen uns den Krieg erklärt haben und kriegerische Akte verüben. (…) Nur die Terroristen arbeiten gezielt darauf hin, dass wir die Nerven verlieren; dann haben sie, was in ihrer Verblendung das Höchste wäre: Christen gegen Muslime, Flächenbrand, heiliger Krieg.

Für alle, die es gerne verdrängen: Wir – will heissen die USA und Europa – haben das Gemetzel begonnen. Mehr als eine Million Tote hat der Westen mit seinen ölmotivierten Kriegen seit 9/11 in der muslimischen Welt verursacht. Wen wunderts, wenn da der Eine oder Andere zu extremen Ansichten neigt und nur noch Rache im Kopf hat?

Nein, das ist keine Rechtfertigung für die Anschläge in Paris oder andere Terrorakte. Aber der Extremismus dieser Leute hat Gründe. Gründe, die auch uns in der ach so neutralen Schweiz angehen. Es ist an der Zeit, endlich mit jenen Leuten solidarisch zu sein, die seit Jahren unter westlichen Öl-Kriegen leiden, nicht mit jenen, die diese Kriege begonnen haben und gnadenlos weiterführen. Es gilt, sich endlich von den Kriegstreibern in den USA, England und Frankreich zu distanzieren, endlich Waffenlieferungen einzustellen und Geldströme, die durch die Schweiz fliessen, zu unterbinden. Um es in den Worten Noam Chomskys zu sagen:

Everybody’s worried about stopping terrorism. Well, there’s a really easy way: stop participating in it.

Das gilt insbesondere auch für Frankreich. Ich werde deshalb mein Facebook-Profilbild nicht mit den Tricolore-Farben hinterlegen. Ich werde nicht an Demonstrationen teilnehmen, die sich mit Frankreich solidarisieren. Ich kann nicht mit einem Land solidarisch sein, das den verlogenen Krieg gegen den Terror seit Jahren mitträgt, das am Afghanistan-Feldzug teilgenommen hat, das Libyen bombardiert hat und jetzt, unmittelbar nach den Anschlägen, in Syrien Vergeltung übt.

Medienschaffende und Politiker: Kommt zur Besinnung. Lasst uns liberale Werte mit liberalem Denken und liberalem Handeln verteidigen. Lasst uns empathisch sein – mit allen Menschen, denn die Losung der franözsischen Revolution – «liberté, égalité, fraternité» – ist eine universelle.

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  1. […] Hier eine gute Analyse von Stefan Schaer zu den ungeheuerlichen Kriegstreiber-Voten in gestandenen Medien wie der Zürcher NZZ: Selektive Empathie und Kriegstreiberei […]

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