Credit Suisse: schwere
Beratungsfehler – mindestens

2011 offerierte die Credit Suisse ihren Kunden, wertlose Lehman Brothers-Papiere zu bündeln und an Dritte zu vermitteln. Wer einstieg, erzielte zwischen 21 und 31 Prozent der verlorenen Summe. «Immerhin» werden sich viele gedacht haben. Das Problem: Wer die Titel im Depot beliess, erhält seit 2012 Lehman-Liquidationszahlungen. Diese haben bis heute rund das Doppelte der 2011er-Verkaufsrunde eingebracht.

Am 15. September 2008 ging die US-Investmentbank Lehman Brothers in Konkurs. In der Schweiz waren rund 20’000 Anleger betroffen. Einige wurden von den Banken, die ihnen die Lehman-Papiere vermittelt hatten, vollständig entschädigt, andere teilweise, viele gar nicht. Vor allem die Credit Suisse (CS), die mit Abstand grösste Vertreiberin von Lehman-Produkten in der Schweiz, stellte sich stur. Die Rückzahlungen sollten auf ein Minimum limitiert werden.

Anfänglich erhielten nur Kunden mit 50 Prozent Lehman-Anteilen im Depot und weniger als CHF 500’000 Vermögen ein Teilrückkaufsangebot (mit anderen Worten: relativ wenige). Mitte April 2009, kurz nachdem die Finma ihren manipulierten Lehman-CS-Bericht veröffentlicht hatte (1, 2, 3), wurde der benötigte Anteil Lehman-Papiere im Depot auf 20 Prozent gesenkt. Ausbezahlt wurden den betroffenen Kunden zwischen 25 und 70 Prozent der verlorenen Summe (beinhaltet Angebote aus der Friedensrichterrunde von 2010).

«Nette Geste» mit Folgen

2011 schliesslich offerierte die CS jenen Anlegern, die nach wie vor Lehman-Titel hielten, die Papiere zu sammeln und am Markt zu verkaufen. Dieser ist Kleinanlegern nicht zugänglich, es werden nur grosse Pakete gehandelt. Wer auf das Angebot einging und «Erfolg» hatte, erhielt 21 bis 31 Prozent der ursprünglich investierten Summe – verlor aber aus heutiger Sicht noch einmal viel Geld. Denn bereits 2012 begann die Lehman Brothers Holdings Inc. mit Liquidationsausschüttungen. Insgesamt zehn sind bis heute an die Gläubiger ausbezahlt worden. Schon jetzt haben jene CS-Kunden, die nicht auf das CS-Verkaufsangebot einstiegen und die Titel im Depot beliessen, deutlich mehr Geld erhalten, manche bis zu 50 Prozent der verlorenen Summe. Und: Weitere Ausschüttungen zeichnen sich ab.

Was also auf den ersten Blick als nette Geste seitens der CS ausgesehen hat, erweist sich jetzt als grober Fehler, als neuerlicher Verlust von teilweise viel Geld. Michael Schmid, selber CS-Lehman-Opfer und in der Schweiz einer der besten Kenner des Falls, hat zusammengestellt, welcher Valor 2011 am Markt für welchen Preis verkauft wurde und was seit 2012 für dieselben Papiere an Liquidationsausschüttungen bezahlt worden ist (Vergleich).

Kein schönes Bild. Der CS muss man deshalb schwere Beratungsfehler vorwerfen – mindestens. Es stellen sich verschiedene Fragen:

1. Gab es Anzeichen, dass aus dem Liquidationsverfahren deutlich mehr Geld fliessen würde als die gebotenen 21 bis 31 Prozent? Hätte die CS diese Anzeichen sehen müssen?

Für die Öffentlichkeit war es 2011 schwierig zu beurteilen, ob und wie viel Geld aus der Lehman-Konkursmasse bleiben würde. Ebenso schwierig ist es für Aussenstehende abzuschätzen, wie weit man in der Bankenbranche über die tatsächlichen Verhältnisse in Konkurrenzhäusern im Bild ist. Klar ist, dass die CS aufgrund personeller Rochaden über beträchtliches Insiderwissen bezüglich Lehman verfügte. Michael Schmid stellte 2010 als Co-Autor einer Aufsichtsbeschwerde gegen die FINMA fest:

Wegen ihres Wissens um die Repo-105-Transaktionen wird Erin Callan, vom 1.12.2007 bis zum 12.6.2008 Chief Financial Officer bei Lehman Brothers, im „Examiner’s Report“ schwer belastet (United States Bankruptcy Court, Southern District of New York, 11.3.2010, Vol. 3, S. 1013-1020, Beilage 22). Callan und andere Mitglieder des Boards waren im Mai 2008 von einem Mitarbeiter schriftlich auf die desolate finanzielle Situation aufmerksam gemacht worden. Genau diese Erin Callan wurde im Juli 2008 nach einer insgesamt dreizehnjährigen Karriere bei Lehman Brothers von Credit Suisse angeworben (Credit Suisse Press Release 15.7.2008, Beilage 23). In ihrer neuen Funktion bei Credit Suisse war sie Robert Shafir unterstellt, der nach einer siebzehnjährigen Karriere bei Lehman Brothers bereits im August 2007 zur Schweizer Bank gestossen war – zunächst als CEO der Region Americas, seit April 2008 auch als CEO Asset Management (Credit Suisse Press Release 2.4.2008, Beilage 24). Sein Bruder Mark Shafir, früher u. a. auch bei First Boston tätig, war bis zum Konkurs Co-Head Mergers & Acquisitions bei Lehman Brothers und leitete den Verkauf von Lehman Brothers an Barclays im September 2008 (Beilage 25). Mark Shafir war somit bestens über die desolate Situation bei Lehman Brothers orientiert. Die schwer belastete Callan schied bereits im Februar 2009 bei Credit Suisse wieder aus. Erin Callan’s Schwester arbeitet ebenfalls bei Credit Suisse – als Director Equity Research (Beilage 26).

Dies wirft nicht nur ein mehr als schlechtes Licht auf das Verhalten der CS kurz vor dem Lehman-Konkurs (wusste die CS, wie schlecht es um Lehman stand? Forcierte die CS deshalb im letzten Moment den Vertrieb von Lehman-Produkten an ihre Kunden?), sondern auch auf das Verhalten danach. Will hiessen: Eigentlich hätte die CS aufgrund ihrer Lehman-Insiderkenntnisse wissen müssen, dass die Chance auf beträchtliche Liquidationsausschüttungen gross war.

2. Hat die CS von der 2011er-Verkaufsrunde profitiert?

Wieso liess die CS ihre Kunden trotzdem in den Verkaufshammer laufen? Die Vermutung, die CS habe die Titel möglichst billig zurückgekauft, um als Institut selbst zu profitieren, dürfte, zumindest was die 2011er-Runde betrifft, nicht stichhaltig sein. Schliesslich sind die Titel nicht an die CS gegangen, sondern am Markt verkauft worden. CS-Mediensprecher Tobias Plangg beantwortet eine entsprechende Frage wie folgt:

Bei dem erwähnten Deponentenschreiben vom Juni 2011 handelte es sich nicht um ein Rückkaufangebot der Credit Suisse AG. Im entsprechenden Deponentenschreiben informierte die Bank die betreffenden Kunden vielmehr über eine zeitlich begrenzte Möglichkeit, ihre strukturierten Lehman Brothers Produkte mit 100% Kapitalschutz zusammen mit den damit verbundenen Konkursforderungen am Markt zu verkaufen. Für ihren Verkaufsauftrag konnten die Kunden eine Preislimite angeben. Die Credit Suisse AG hat daraufhin für die gebündelten Kundenaufträge bei institutionellen Marktteilnehmern konkurrierende Angebote eingeholt und das jeweils beste Angebot ausgewählt. Bei Zustandekommen des Verkaufs hat die Credit Suisse AG im Auftrag des Kunden die jeweilige Position gemäss den Anforderungen des anwendbaren Insolvenzrechts dem Käufer übertragen und dem Kunden den Verkaufserlös gutgeschrieben. Für diese Dienstleistung hat die Credit Suisse AG ihren Kunden keine Provision belastet. Konnte für eine Position kein Käufer gefunden werden, kam kein Verkauf zustande und die betreffende Position blieb im Depot des Kunden. Für die 6 genannten Valoren, die im Rahmen des beschriebenen Prozesses 2011 im Auftrag der Kunden verkauft wurden, hat die Credit Suisse AG daher nie Abschlagszahlungen aus den Insolvenzverfahren der Lehman Brothers Gruppengesellschaften erhalten.

An wen die 6 fraglichen Valoren schliesslich gingen – dazu äussert sich die CS nicht – ändert am finanziellen Ergebnis für die Kunden nichts. Tatsache ist: Ihnen wurden die Lehman-Papiere mit Hilfe der CS zu einem Preis abgekauft, der aus heutiger Sicht weit unter Wert lag. Jetzt schon übersteigen die Liquidationsausschüttungen den Kaufpreis um bis zu 100 Prozent. Wer sich diesen Gewinn eingestrichen hat bzw. weiterhin einstreicht, ob die CS, eine Partnerbank oder sonst jemand, ist für die Geschädigten nur von emotionaler Bedeutung.

3. Hat die CS von ihren früheren Kulanz- bzw. Rückkaufangeboten profitiert?

Interessant in Planggs Antwort ist der folgende Satz: «Für die 6 genannten Valoren, die im Rahmen des beschriebenen Prozesses 2011 im Auftrag der Kunden verkauft wurden, hat die Credit Suisse AG daher nie Abschlagszahlungen aus den Insolvenzverfahren der Lehman Brothers Gruppengesellschaften erhalten.» Daraus liesse sich schliessen, dass die Credit Suisse für die 6 Valoren, die sie im Rahmen der ersten (2008/2009) oder zweiten (2009) Entschädigungsrunde oder im Rahmen der Friedensrichterrunde (2010) zurückgekauft hat, durchaus bis heute Liquidationszahlungen von Lehman Brothers erhält (und natürlich auch für all die anderen Valoren, die zurückgekauft worden sind). Da die Höhe der bisherigen Zahlungen bekannt ist und auch die Höhe der «Kulanzangebote», lässt sich mit Sicherheit sagen, dass die CS teilweise bereits satte Gewinne erwirtschaftet hat (vor allem aus der «Friedensrichterrunde») bzw. den Rückkaufpreis beinahe egalisiert hat (50 Prozent-Angebote aus der Entschädigungsrunde von 2009), falls die fraglichen Titel bei ihr geblieben sind.

Auf Nachfrage schreibt Tobias Plangg:

Zum Thema Lehman Brothers Produkte können wir das sagen, was wir Ihnen bereits gesagt haben.

Leider hat die CS diesbezüglich bis jetzt nichts gesagt.

Das Geld gehört den Kunden

Entgegen dem, was die Finma in ihrem manipulierten Bericht schreibt, wusste die CS 2007/2008 genau, wie schlecht es um Lehman stand. Das zeigen verschiedene Indikatoren, das Insiderwissen von Shafir und Callan ist dabei nur ein Aspekt unter anderen. Trotzdem hielt es die Bank nicht für nötig, ihre Kunden zu warnen. Im Gegenteil, wie der interne Finma-Bericht zeigt und wie zig Betroffene bestätigen, forcierte sie kurz vor dem Lehman-Konkurs den Verkauf der Papiere.

Mit der 2011er-Verkaufsrunde erwies die CS ihren Kunden einen weiteren Bärendienst. Es bleibt ein Rätsel, weshalb die Bank in ihrem Deponentenschreiben zwar mitteilte …

«Bitte beachten Sie, dass der Marktpreis des Produkts schwanken kann und mögliche spätere Konkursdividenden den Verkaufserlös übersteigen können. Mit dem Verkauf des Produkts erlischt Ihr Anspruch auf eine mögliche Konkursdividende.»

… sich aber mit keinem Wort zum Stand der Chancen äusserte. Es ist klar, dass sich die CS nicht auf konkrete Zahlen festlegen konnte. Aber sie hätte ihre Kunden, die sie mit ihrem Verhalten vor dem Lehman-Konkurs um sehr viel Geld gebracht hatte, definitiv um einiges besser unterstützen können. Vielleicht tat sie das in Einzelfällen – mir sind allerdings keine bekannt.

Und: Das Geld, das die CS inzwischen aufgrund ihrer Lehman-Rückkäufe höchstwahrscheinlich verdient hat (siehe oben), gehört den Kunden. Es ist nicht verständlich, dass die CS diese Einnahmen den Geprellten nicht zugänglich macht.

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