Kaupthing: die Credit Suisse warnt,
die Neue Aargauer Bank verkauft,
die Finma schweigt

Am 31. Oktober 2008 ist die isländische Kaupthing Bank Konkurs gegangen. Bei Credit Suisse und Neuer Aargauer Bank (NAB) waren rund 400 Anleger betroffen – viele von ihnen Pensionäre, denen die Papiere zum Teil regelrecht «angedreht» worden waren. Die Parallelen zum Fall Credit Suisse-Lehman Brothers sind offensichtlich. Ein Thema für die Finanzmarktaufsicht? Nein, die Finma schweigt.

Lena Meier (Name geändert) sitzt in einem Büro der Neuen Aargauer Bank (NAB) in Wohlen/AG. Sie hat 40’000 Franken geerbt und möchte dieses Geld so sicher als möglich anlegen. Ihr Kundenberater unterbreitet ihr zwei Investitionsangebote: ein strukturiertes, zu 100% kapitalgeschütztes Produkt der US-Investmentbank Lehman Brothers und Obligationen der isländischen Kaupthing Bank.

Zehn Tage später, am 28. Juli 2008, stimmt Lena Meier, die in Anlagegeschäften gänzlich unerfahren ist, den Käufen zu: 21’744 Franken werden in Lehman Brothers gesteckt, 17’242 Franken in Kaupthing. Drei Monate später ist Lena Meier das ganze Geld los – Lehman Brothers und Kaupthing sind Konkurs gegangen …

Bei der Credit Suisse und ihrer Tochtergesellschaft NAB sind insgesamt 10’000 Lehman- und schätzungsweise rund 400 Kaupthing-Opfer zu beklagen. Lena Meier ist also ein Fall unter vielen – aber der krasseste, der mir bekannt ist. Ihr sind nicht entweder Lehman- oder Kaupthing-Papiere verkauft worden, ihr sind Papiere von beiden verkauft worden, ausschliesslich von beiden und im allerletzten Moment. Man muss kein Statistiker sein, um festzustellen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kundenberater seiner auf Sicherheit bedachten Kundin Ende Juli 2008 rein zufällig aus Dutzenden von Anlagemöglichkeiten ausgerechnet Lehman und Kaupthing empfiehlt, zwei Unternehmen, die zu diesem Zeitpunkt bereits schwer angeschlagen sind (siehe unten), dürfte annähernd Null sein.

Unlautere Absichten?

Unter den Kaupthing-Opfern befinden sich auffällig viele pensionierte Leute, viele von ihnen verloren einen Teil ihrer ausbezahlten 2. Säule, die meisten von ihnen waren völlig unerfahren in Geldanlagen. Ihre Geschichten gleichen sich: Man habe die Papiere eigentlich gar nicht gewollt, die CS/NAB habe aber immer wieder angerufen (oder am Schalter immer wieder darauf aufmerksam gemacht), bis man schliesslich in den Kauf eingewilligt habe. Oft wurden nicht kleine Beträge investiert, sondern in den extremsten Fällen bis zu 70% des Vermögens/Pensionsgeldes.

Es stellen sich, wie im Fall Lehman Brothers, vor allem zwei Fragen:

  1. Hätten CS/NAB wissen müssen, dass Kaupthing eine Hochrisikostrategie fährt und wie schlecht es um die Bank steht? Die Antwort ist die gleiche wie im Lehman-Fall: ein klares Ja! In der Finanzbranche, in den Medien, überall galt Kaupthing spätestens ab Anfang 2008 als Wackelkandidat (unter vielen anderen: 1, 2, 3, 4), jedes seriöse Unternehmen hätte keine Papiere mehr verkaufen dürfen, vor allem nicht an Leute, die Wert auf sichere Anlagen legen.
  2. Was hat den Kundenberater Lena Meiers und all die anderen CS/NAB-Verkäufer dazu getrieben, die Kaupthing-Papiere offensiv unter die Leute zu bringen? War alles nur Zufall oder steckten andere Motive dahinter? Um darauf Antworten zu finden, hätte die Finma unter anderem untersuchen müssen, ob die CS jedes Lehman/Kaupthing-Produkt einzeln verkauft und mit den Emittenten abgerechnet hat oder ob sie bei Lehman/Kaupthing vorgängig eine grössere Menge an Produkten eingekauft und damit das Absatzrisiko auf sich genommen hat. Damit wäre der Anreiz, die Papiere noch vor dem Konkurs der Emittenten abzustossen, viel grösser gewesen.

Alles deutet auf Letzteres hin. Wer den Eigenhandel einstellt (wie die CS bei Lehman), gleichzeitig aber aggressiv Papiere der gefährdeten Institute an unerfahrene, häufig pensionierte Kunden verkauft, der handelt höchstwahrscheinlich mit unlauteren Absichten.

CS gibt zu, von Problemen gewusst zu haben

Interessant ist bezüglich Vorwissen ein Brief, auf den ich zufällig gestossen bin. Darin erklärt die Credit Suisse Bern Mittelland ihrem Kunden Thomas Müller (Name geändert), einem weiteren Kaupthing-Opfer, weshalb er kein Anrecht auf Rückerstattung des verlorenen Geldes hat. Und dann steht da noch etwas, das meines Erachtens von grosser Bedeutung ist bzw. sein sollte:

«Nichtsdestotrotz hat Ihr Kundenberater Ende Juli bis Ende September mehrmals versucht, Sie telephonisch zu erreichen, um mit Ihnen die Situation der Kaupthing Bank zu besprechen.»

Anrufe, die nie bei Thomas Müller angekommen sind – weil die Credit Suisse, wie sie später behauptete, wiederholt auf eine falsche Nummer angerufen hatte … Ob die Anruf-Versuche tatsächlich stattgefunden haben, tut aber nichts zur Sache. Wichtig ist, dass die Credit Suisse mit diesem Brief, notabene unterzeichnet von CS-Mittellland-Chef Thomas von Burg, zugibt, ab Ende Juli 2008 von den Problemen bei Kaupthing gewusst zu haben. Sie versuchte also einerseits Thomas Müller zu warnen, andererseits verkaufte die CS-Tochter NAB zum gleichen Zeitpunkt Papiere an Lena Meier – und höchstwahrscheinlich auch an Andere.

Folgende Fragen drängen sich auf:

  • Weshalb haben CS/NAB nur Thomas Müller zu warnen versucht? Andere Fälle sind nicht bekannt.
  • Bis wann sind bei CS/NAB Kaupthing-Papiere verkauft worden, bzw. ab wann war die Situation bei Kaupthing so bedrohlich, dass man den Verkauf einstellte?

Fragen, die ich Thomas von Burg und der CS schriftlich gestellt habe. Nach vierzehn Tagen Funkstille teilt mir Daniela Häsler von der CS-Medienstelle lapidar mit:

«Sie werden verstehen, dass wir zu allfälligen aktuellen oder ehemaligen Kundenbeziehungen keine Stellung nehmen können.»

Nein, das verstehe ich nicht. Die Fragen hätten problemlos beantwortet werden können, ohne Namen zu nennen und Privatsphären zu verletzen.

Finma schweigt

Die Probleme/Risiken bei Kaupthing waren früh genug bekannt. Trotzdem haben CS und NAB bis zuletzt offensiv Papiere der Bank verkauft. Was sagt die Finma dazu? Was sagt sie zum Verdacht, dass CS/NAB Restposten der gefährdeten Bank bewusst abgestossen haben, um den eigenen Schaden zu limitieren? Was sagt sie zu den offensichtlichen Parallelen zum Fall Credit Suisse-Lehman Brothers? Sie ahnen es: kein Wort.

Auch das ist kein Wunder: Von einer «Aufsichtsbehörde», die ihren internen, kritischen Bericht zum Verhalten der Credit Suisse im Fall Lehman Brothers für die Öffentlichkeit ins Gegenteil verdreht, ist wohl beim besten Willen nicht mehr zu erwarten. Auf Anfrage schreibt Finma-Pressesprecher Tobias Lux:

«Zum Vertrieb von Kaupthing-Papieren hat sich die Finma nicht geäussert und keine Informationen veröffentlicht.»

Im Klartext: Die Finma hat den Fall Kaupthing weder als Einzelfall untersucht, noch sind ihr die offensichtlichen Parallelen zum Fall Lehman aufgefallen. Nichts hören, nichts sehen, nichts untersuchen, nichts sagen – das scheint das Motto der Aufsichtsbehörde zu sein.

70% für Lehman, 0% für Kaupthing – wieso?

Zurück zu Lena Meier. Die Frau gab nicht auf und schaltete eine Anwältin ein. Ohne Erfolg. Die NAB stellte sich stur und wollte keine Rückzahlungen machen. Im Februar 2009 kam dann plötzlich die Mitteilung, dass doch 70% des Lehman-Verlusts ersetzt wird.

Weshalb bleibt bis heute ein Rätsel. Wieso hat Lena Meier für Lehman 70% erhalten (was im Vergleich mit den meisten anderen ausserordentlich viel ist), wieso nichts für Kaupthing? Die nichtssagende Antwort der NAB:

«Die NAB hat sich entschlossen, bei besonders betroffenen Kunden, die in voll kapitalgeschützte strukturierte Produkte von Lehman Brothers investiert haben, aus Kulanz und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht eine Entschädigung zu prüfen. Bei den Kaupthing-Obligationen handelt es sich nicht um strukturierte Produkte, sondern um normale Obligationen».

Auf die Frage, ob die NAB den Handel mit Kaupthing-Papieren vor dem Konkurs der Bank eingestellt habe und «wenn ja, wann und weshalb», antworten Georg Koromzay (Leiter Rechtsdienst) und Cornelia König (Stv. Leiterin Unternehmenskommunikation) wie folgt:

«Die NAB hat nie einen eigenen Handel mit Kaupthing-Obligationen betrieben. Die Obligationen wurden durch die NAB im Auftrag der Kunden an der Börse erworben.»

Unverschämter gehts kaum mehr. Selbstverständlich hat die NAB die Anlagen jeweils «im Auftrag» der Kunden gekauft – aber in den allermeisten Fällen nach (mehrfacher) Empfehlung durch die NAB-Kundenberater.

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